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40 Jahre Pumprisse im Wilden Kaiser Karl und Kiene und ein Kletter-Meilenstein

Als Reinhard Karl und Helmut Kiene vor 40 Jahren die 300 Meter lange Risskletterei der „Pumprisse“ im Wilden Kaiser bewältigt haben, öffneten sie damit die Schleuse für die Entwicklung des alpinen Kletterns. Es war die erste offizielle Kletterei im VII. Grad. Bis heute gilt sie als einer der Marksteine der Alpingeschichte. Bei Ellmau am Wilden Kaiser sind deshalb in dieser Woche Kletterer zusammengekommen, um das damalige Ereignis von heute aus noch einmal zu würdigen.

Von: Georg Bayerle

Stand: 15.06.2017

Klettern in den Pumprissen am Wilden Kaiser | Bild: Roland Schonner

Seit über 40 Jahren üben die Pumprisse eine magische Anziehungskraft aus.

Wenn es in launiger Runde um Kletterrekorde geht, spielen die Anekdoten natürlich eine Hauptrolle: Irmgard Braun, einst eine der besten deutschen Sportkletterinnen, erzählt mit einem Augenzwinkern von ihrer frühesten „Katastrophenbegehung“ im Nachstieg im VI. Gad. Doch ein VI-er ist zu wenig für die Pumprisse, und genau das war der springende Punkt. In den Jahren nach 1977 hatten die Pumprisse eine magische Anziehungskraft und Irmgard Braun sich 1981 dann einem szenebekannten Vorsteiger angeschlossen.

Eingezwickt?

Landschaftlich ist die Kletterei einzigartig. Jenseits des Ellmauer Törls, das vielen Wanderern, aber auch Skitourengehern ein Begriff ist, fluchten die lotrechten Kalkwände in die Höhe. Auch nur für Peter Brandstätter, den Wilder-Kaiser-Alpinhistoriker, Bergführer und Kletterer, war und ist das ein magnetischer Punkt. Die steinerne Rinne ist für ihn das Herz des Wilden Kaisers.

Über 100 Jahre Klettergeschichte haben sich hier abgespielt – bis 1977 bemessen anhand der klassischen alpinen Schwierigkeitsskala von I bis VI, wobei VI als die „äußerste Grenze des Menschenmöglichen“ galt. An dieser Richtlinie kamen in den 1970er-Jahren immer größere Zweifel auf. Die Wahl für ein Statement einer Tour, die objektiv schwieriger ist, fiel auf die Rissreihe neben den legendären Rebitsch-Rissen am Fleischbank-Pfeiler.

Ganz klein wirkt der Kletterer in dieser Wand ...

Die Pumprissen sind extrem ausgesetzt, weil die Wand darunter 200 Meter tief zurückbaucht. Somit hat der Kletterer hier nur diesen faustbreiten Riss, in dem er sich sozusagen „hochpumpen“ muss – daher kommt auch der Name. Es ist ein typischer Laut, der entsteht, wenn sich der Kletterer pumpend wie ein Maikäfer und wahlweise mit verklemmten Fäusten, Knien oder der Schulter zentimeterweise emporschiebt. Prusten, Stöhnen, Grunzen – das war die Geräuschkulisse in den Pumprissen, die auch akustisch ein Meilenstein der Alpingeschichte waren und sind.

Wer's nach oben geschafft hat, vergisst keinen der 300 Meter ...

Klassiker wiederentdecken – das ist für die aktuelle Kletter-Generation eine neue Herausforderung und Inspiration. Nach dem Durchbrechen der Schallmauer in den Pumprissen ist die Schwierigkeitsskala geradezu explodiert, berichtet Peter Brandstätter: Trotzdem sind die Pumprisse auch für die jungen Kletterer von heute eine Herausforderung geblieben, auch wenn nur noch ein paar Seilschaften im Jahr hier einsteigen. Wer es nach fünf bis sieben Stunden geschafft hat, vergisst von den 300 Metern mit Sicherheit keinen einzigen!

Wilder Kaiser


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