Organspende Hoffnung durch neues Gesetz?
Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation warten jährlich 12 000 Menschen auf ein neues Spenderorgan, etwa 8000 von ihnen auf eine neue Niere. 1000 sterben jedes Jahr, weil nicht rechtzeitig ein Organ zur Verfügung steht. Nach einer Umfrage sind zwei Drittel der Bundesbürger bereit nach ihrem Tod ein Organ zu spenden, allerdings besitzen nur 16 Prozent einen Organspendeausweis. Um die Spendebereitschaft zu erhöhen, hat jetzt der Bundestag einen neuen Gesetzentwurf vorgelegt.
„Liebe Familie meines Spenders“
Lidwina Rehms bedankt sich. Im Dezember hat sie eine Niere bekommen. Von wem, wird sie nie erfahren. Aber sie formuliert einen anonymen Brief an die Familie des Spenders und beschreibt, was sie nach der Narkose empfand.
„Mein erster Gedanke war an den Spender. Vor allem an seine Entscheidung, doch zu Lebzeiten sich dafür zu entscheiden, die Organe zu spenden. Zumindest ich hab ja eine Niere bekommen. Und das war mein erster Gedanke: Ja, ich danke dem Spender für diese tolle Entscheidung, die mir auch im Grunde genommen das Leben gerettet hat.“
Lidwina Rehms gehört zu einer Minderheit – gerade einmal jeder Zehnte, der in Deutschland ein neues Organ braucht, hat 2011 eines bekommen. 12500 Menschen stehen auf der Warteliste. Im Schnitt stirbt alle acht Stunden einer von ihnen, weil zu wenig Menschen spenden.
Ein wichtiger Grund ist: Niemand beschäftigt sich gerne mit dem Tod. Viele fragen sich: Wenn sie transplantiert werden, sind sie wirklich schon tot?
"Der Mensch ist tot spätestens dann, wenn das Gehirn seine Funktion eingestellt hat. Und das heißt, völliger Funktionsverlust des Gehirns, des Stammhirns, des Kleinhirns, also all dessen, was wir als Menschen darstellen. Sobald dieses der Fall ist spricht man von hirntot, und der Prozess ist völlig unumkehrbar. Wenn Sie bei einem hirntoten Patienten den Kopf aufschneiden würden, dann wäre dort ausschließlich tote Masse mit einzelnen Zelleinsprengseln vielleicht, aber eine Empfindung, ein Handeln, ein Denken ist absolut ausgeschlossen."
Prof. Uwe Heemann, Chefarzt TU München
Bisher gilt: Der Spender muss ausdrücklich zugestimmt haben oder die Angehörigen tun das für ihn – nach seinem mutmaßlichen Willen.
Das Problem: Die meisten äußern ihren Willen gar nicht. Nur jeder fünfte Deutsche hat einen Spendeausweis. Warum? An mangelnder Aufklärung liegt es nicht.
"Ich glaub einfach die Frage, wie und unter welchen Umständen Aufklärung zu machen ist, ist schon hinreichend beantwortet: Das funktioniert einfach nicht. Es gibt hinreichend genügend Angebote für Aufklärung in Deutschland. Die gibt es seit Jahren. Diese Aufklärungskampagnen sind im Grunde genommen alle gescheitert. Länder mit einem sehr hohen Spenderaufkommen wie etwa Spanien haben gar keine Aufklärungskampagnen mehr, die gibt’s dort gar nicht."
Prof. Uwe Heemann, Chefarzt TU München
Dort gibt es die Widerspruchslösung. Wer einer Organspende nicht widerspricht, stimmt ihr damit zu. Aber auch Angehörige können widersprechen.
Wer nicht nein sagt, sagt also ja – die Folge: In Spanien stehen fast doppelt so viele Organe zur Verfügung wie in Deutschland.
Jetzt haben sich alle Bundestagsfraktionen zu einem Kompromiss durchgerungen, der sogenannten „Erklärungsregelung“
Das Ziel: Jeder Bürger soll seinen Willen bekunden.
Dazu wird er nachdrücklich aufgefordert – etwa, wenn er Führerschein, Personalausweis oder Gesundheitskarte bekommt. Die Angaben sind freiwillig. Macht er keine, wird das nicht als Zustimmung gewertet. Im Prinzip also wieder eine Zustimmungslösung. Und genau hier setzt die Kritik an:
"Jeder hat ja die Möglichkeit, zu jedem beliebigen Zeitpunkt ‚nein’ zu kreuzen. Dass er das ablehnt. Und diese Möglichkeit muss man geben, selbstverständlich, und zwar für jeden, völlig d’accord. Aber wenn er das nicht tut, muss man auch sagen: Dann hat er ‚ja’ gesagt."
Prof. Uwe Heemann, Chefarzt TU München
Dazu aber konnte sich der Gesetzgeber nicht durchringen. Voraussichtlich ab August wird die Erklärungsregelung gelten – über Details wird noch verhandelt.
Folgende Regeln sollen bleiben, wie sie sind:
Zur Organspende ist keine Voruntersuchung nötig; bestimmte Organe können ausgeschlossen werden; Spender und Empfänger bleiben anonym und: Es gibt keine Altersgrenze nach oben. Spender müssen mindestens 16 sein; ab 14 können sie einer Spende widersprechen – ohne Einwilligung der Eltern.
Die Niere von Lidwina Rehms arbeitet bestens. Fünf Jahre Dialyse hat sie hinter sich, ein Monat ist seit der Operation erst vergangen – doch schon in wenigen Wochen will sie ihrem Lieblingshobby wieder nachgehen.
"Mit der neuen Niere sind natürlich wunderschöne Aussichten, weil ich natürlich nicht mehr angewiesen bin auf ne Dialyse. Und wenn ich nach der OP dann fit bin, ich denke an den kommenden Sommer, dann wird mit Sicherheit schon ganz viel gehen."
„Bei uns in der Klettergruppe nennen wir die Lidwina „die Gusseiserne“, weil sie halt nie aufgibt.“
Doch nicht nur ihr Wille hat ihr geholfen – sondern auch die Spende eines Unbekannten.

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