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80 Jahre Haus der Kunst Vom bösen Geist in den Fugen

Am 18. Juli 1937 wurde mit großem Pomp das "Haus der Deutschen Kunst" eröffnet - ein Tempel der NS-Kulturpolitik. Was nicht in deren Konzept passte, wurde anderntags nebenan unter dem diffamierenden Titel "Entartete Kunst" zur Schau gestellt. Die "Deutsche Kunst" war nicht von bleibendem Wert, das Haus jedoch überstand den Krieg unbeschadet. Ein schwieriges Erbe. "Mauern tragen keine Schuld", hieß es. Aber kann man ein Monument des Ungeists wirklich in ein Forum der lebendigen Auseinandersetzung mit einer entgrenzten Kunst verwandeln?

Von: Julie Metzdorf

Stand: 15.07.2017 | Archiv

Haus der Kunst (2001) | Bild: Josef Wildgruber/Süddeutsche Zeitung Photo

Groß ist es, dieses Haus. 175 Meter lang und 50 Meter tief schirmt es den Englischen Garten von der Prinzregentenstraße ab, genau an jener Stelle, an der der Altstadttunnel täglich 60.000 Autos schluckt und wieder ausspuckt. So richtig sehen kann man das Gebäude von vorn gar nicht, jedenfalls nicht im Sommer: Lindenbäume verdecken die Fassade. Nur im Winter, wenn die Bäume ihr Laub verlieren, erschließt sie sich in ihrer Gesamtheit: Eine Reihe von 20 mächtigen Kalkstein-Säulen, die ein schweres Gebälk tragen, links und rechts abgeschlossen von einem Eckpfeiler.

Überwältigungsarchitektur wie sie im Buche steht

18. Juli 1937: "Front aus Stein und Front aus Stahl". Aufnahme: Heinrich Hoffmann

In ihrer starren Reihung erinnern die Säulen an Soldaten, die vor dem Gebäude stehen, es bewachen, schützen, seine Bedeutung unterstreichen. Überwältigungsarchitektur wie sie im Buche steht, dazu gedacht, dass sich die Besucher klein fühlen.

Und was machten die Münchner? Schon zu Hitlers Zeiten nannten sie den Säulengang "Weißwurstallee". Auch vom "Palazzo Kitschi" war die Rede oder vom "Güterbahnhof von Athen".

Das Haus ist ein Mahnmal seiner selbst

Einweihung am 18. Juli 1937: "Das Haus am Morgen der Deutschen Kunst". Aufnahme: Heinrich Hoffmann

Gerhard Richter, Ai Weiwei, Louise Bourgeois: Das Haus der Kunst ist heute ein lebendiges Ausstellungsgebäude, mit großen Retrospektiven international bedeutender Künstler und wichtigen thematischen Ausstellungen wie zuletzt "Postwar". Doch das Haus ist auch ein Mahnmal seiner selbst: Am 18. Juli 1937 als "Haus der Deutschen Kunst" eröffnet, ist es ein Nazibau der ersten Stunde. Es war der erste Monumentalbau, mit dem die Nationalsozialisten an die Öffentlichkeit traten. Ein architektonisches Vorzeigeprojekt, das schon durch seine Monumentalität den Machtanspruch untermauerte. Als persönliche Herzensangelegenheit des gescheiterten Kunstmalers Adolf Hitler wurde es zu einem zentralen Ort der NS-Propaganda: Hitler hielt in der zentralen "Ehrenhalle" nicht nur kulturpolitischen Reden, er entschied auch persönlich darüber, was ausgestellt wurde.

80 Jahre "Haus der (Deutschen) Kunst" in Bildern

Basketballspiele im "Haus der Deutschen Kunst"

Als eines der wenigen Gebäude in der Münchner Innenstadt blieb das Haus während des Krieges unversehrt. Da es außerdem ein Restaurant beherbergte, richteten die Amerikaner hier ihr Offizierskasino ein. Fortan wurde im "Haus der Deutschen Kunst" gespeist und getrunken, gepafft und gefeiert, ja sogar Basketball gespielt.

Eine Art Wiedergutmachung auf kultureller Ebene

Besucher der Picasso-Ausstellung im Oktober 1955 betrachten das berühmte Gemälde "Guernica"

Zumindest in Teilen des Gebäudes war bereits ab 1946 wieder Kunst zu sehen: Zunächst Werke aus den zerstörten Pinakotheken, doch schon bald wurden im "Haus der Kunst" – wie es nun hieß – just Bilder jener Künstler gezeigt, deren Kunst während der Naziherrschaft als "entartet" galt: Kokoschka, Nolde, Kandinsky und Klee, bis hin zu Picassos monumentalem Wandbild "Guernica". Eine Art Wiedergutmachung auf kultureller Ebene. Zugleich wurden nach Möglichkeit alle Spuren verwischt, die an das unliebsame Erbe erinnerten: Der blutrote Marmor der Mittelhalle wurde in den 50er Jahren einfach überstrichen und die kühle, monumentale "Nazi"-Fassade des Gebäudes verschwand hinter einer Reihe von Bäumen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte sieht anders aus … Und heute?

Buchtipp:

Haus der Kunst, München: Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus (Edition Monacensia)

  • Autorin: Sabine Brantl
  • Taschenbuch: 152 Seiten
  • Verlag: Buch&Media; Auflage: 1., Aufl. (12. Juli 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 386520242X
  • ISBN-13: 978-3865202420

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